Geschichten

Nobody does it better

Autor: Jörg Ubbens

buch

Die Geschichte, wie ich Andreas kennen gelernt habe, ist eher trivial und unspektakulär. Ich bin von Köln in meine alte Heimat, das Umland von Hannover gezogen, Andreas und Familie haben dort bereits ein kleines Einfamilienhaus bewohnt, und so wurden wir unmittelbare Nachbarn. Die ersten Begegnungen liefen auch völlig normal ab, wie das eben so ist, wenn man sich erst einmal beschnuppert. Ein wenig übers Wetter geplaudert oder Smalltalk zum Thema Einkaufsmöglichkeiten etc. gehalten. Bis …. ja, bis wir eines Tages auf die Frage stießen, die bei uns in Deutschland über deine Zukunft im Umgang mit deiner Umgebung entscheidet, ob du geliebt oder gemieden, auf Augenhöhe oder von oben herab gegrüßt wirst, ja sogar, ob du hier willkommen bist oder dir möglichst bald eine andere Wohnung suchen musst! Und diese Frage lautet: „Was machst du eigentlich beruflich?“ Die knappe und mit Stolz in den Augen vorgetragene Antwort von Andreas, „Lehrer!“ traf mich wie ein Blitz, und ich konnte kaum verbergen, dass ich etwas bleich um die Nase wurde. Hätte ich gewusst, dass in meiner unmittelbaren Umgebung ein Lehrer wohnt, dann hätte ich niemals den Mietvertrag unterzeichnet. Und zu allem Überfluss, meine geschockte Reaktion wohl bemerkt zu haben, setzte er heroisch hinzu: „genau wie meine Frau auch!“ Das saß! Vorurteil gegenüber Lehrern Nr. 1 schoss mir durch den Kopf: Die wissen doch immer alles besser! Außerdem hatte ich erst am Vortag in einer Illustrierten das Ergebnis der alljährlichen Umfrage über die beliebtesten Berufe in Deutschland gelesen, und da erschien der Berufsstand Lehrer das erste Mal in der Geschichte in der Beliebtheitsskala noch zwei Plätze vor den Ingenieuren. Ein Skandal!

Ich versuchte, meine natürliche, ruhige Verfassung wieder zu erlangen, was mir dann auch nach ein paar Tagen gelang, indem ich mir beruhigend einredete, dass meine Vorbehalte gegenüber dem so ehrenwerten Beruf unberechtigt seien und sich bestimmt alles ganz anders entwickeln würde, als ich in meinen Träumen der letzten Nächte vorhergesehen hatte. Die Chance, hier neue Erfahrungen zu sammeln, wollte ich gern entgegennehmen, welche sich mir auch schon nach wenigen Tagen bot.

Die Grundstücke zu den Häusern, die Andreas und ich mit unseren Familien bewohnten, grenzten nicht nur aneinander, sondern hatten einen gemeinsamen Besitzer, unseren Vermieter. Und der hatte sich gedacht, er könne ein gutes Nachbarschaftsklima erschaffen, indem er für beide Gärten einen gemeinsamen Brunnen angelegt hatte, so dass wir zu nachbarschaftlichen Absprachen gezwungen wurden. Zum Brunnen gehörte eine Wasserpumpe, die das kühle Nass direkt durch ein Schlauchsystem auf die grünen Rasenflächen befördern sollte, jedoch niemals gleichzeitig, dazu reichte die Leistung nicht aus. Und genau dieses kleine Wasserwerk war defekt, so sehr, dass nach meiner fachmännischen Begutachtung eine Reparatur sinnlos erschien. Ich erklärte mich kurz entschlossen bereit, eine neue Pumpe zu organisieren, weil ich dachte, das ist Ingenieursarbeit. Diese war schnell besorgt und ich machte mich sofort daran, sie zu installieren. Ich schraubte und schüttelte, kippte und drehte, zwischendurch immer mal wieder einen bösen Fluch ausstoßend, was ich aber damit auch anstellte, aus diesem Teil kam kein Tropfen Wasser gesprudelt. Nach stundenlangen Anschlussversuchen wollte ich das Ding schon einpacken und zum Baumarkt zurückbringen und mich beschweren, warum die einem so einen Schrott andrehen, da kam Andreas fröhlich pfeifend um die Ecke und bot natürlich sofort seine Hilfe an. Ich schimpfte nur, „ach lass, das Scheißding läuft nicht, ich tausche es um“. Doch bevor ich die Zange zum Abbau zur Hand hatte, schnappte sich Andreas das Werkzeug, klopfte hier ein wenig und schraubte zwei, dreimal an anderer Stelle, betätigte den Startknopf und…. nichts, so hoffte ich zumindest. Denn soweit war ich auch schon. Die Zeit schien still zu stehen, als der Pumpenmotor lossurrte und im Pumpengehäuse leises Zischen zu vernehmen war, so, als würde jemand Luft durch ein Rohr blasen. Das Geräusch jedenfalls erfüllte mich mit innerer Zufriedenheit. Plötzlich jedoch wurde aus dem Zischen immer mehr ein Glucksen und ich wagte kaum zu atmen. Das Glucksen verwandelte sich Sekunden später in ein Rauschen und im selben Augenblick sprudelte aus allen Schläuchen frisches, klares Brunnenwasser.

Ich versank vor Schamesröte im Boden, stammelte noch ein „danke“, lief in meine Wohnung und ertrank meinen Frust in einer Flasche Wodka und einer halben Kiste Bier. Nach einer Woche traute ich mich wieder nach draußen und konnte, ohne jedes Mal rot zu werden, mit Andreas vorbehaltlos reden.

Doch das Schicksal meinte es schlecht mit mir. Nur eine weitere Woche war vergangen, als ich einen dringenden Termin wahrnehmen musste. Ich stürmte aus dem Haus, weil die Zeit knapp wurde, schwang mich in mein Auto, drehte den Zündschlüssel und… nichts. Kein Ton war aus dem Motorraum zu vernehmen. „Und das heute“, dachte ich, betätigte den Hebel zum Öffnen der Motorhaube und versuchte alles Mögliche, die Kiste zum Laufen zu bringen. Nach einer Stunde erfolgloser Anstrengung wollte ich gerade aufgeben, weil mein Termin sich ohnehin erledigt hatte, setzte mich zum ultimativ letzten Startversuch hinters Steuer, als aus Richtung Motorraum eine Stimme erklang: „warte mal, ich hab es gleich“. Jeder wäre in so einer Situation begeistert gewesen, wenn aus der Nachbarschaft eine helfende Hand zur Verfügung stünde, ich normalerweise auch. Nachdem ich jedoch die Stimme meines Lieblingsnachbarn erkannt hatte, hoffte ich das erste Mal in meinem Leben, dass alle Hilfe zwecklos sei, und der Wagen bitte einen richtigen Motordefekt hätte, deren Reparatur ich nur liebend gern bezahlt hätte. Meine gefalteten Hände und der Blick nach oben sollten meinem Wunsch Nachdruck verleihen, und immer wieder murmelte ich leise die Worte: „bitte spring nicht an, bitte, bitte!“

Nur wenige Augenblicke später lugte Andreas hinter der Haube hervor und rief: „so, jetzt mal starten“. Zitternd drehte ich den Schlüssel im Zündschloss und spürte, wie mein Puls in die Höhe schoss. Aber, was soll schon passieren? Immerhin hatte ich alles Mögliche versucht, das Wägelchen zum Laufen zu bringen. In der Art, als wenn sich mein Leben nochmals vor mir abspielte, so sah ich meine sämtlichen Reparaturversuche der letzten Stunde sekundenschnell vor meinem geistigen Auge ablaufen, und ich spürte etwas ganz Schreckliches auf mich zukommen. Und dann das Unfassbare. Meine größte Befürchtung bewahrheitete sich und traf mich wie ein Blitzschlag! Leises Surren des Motors meines Wagens drang in mein Ohr, und ein unbeherrschbarer Drang zwang mich, ins Lenkrad zu beißen.

So unendlich von dieser Karre blamiert, verkaufte ich noch am selben Tag das Mistding weit unter Preis an einen Autoexporteur, damit ich es bloß nie wieder sehen musste. Dieser wunderte sich zwar über das zerfetzte Lenkrad, unterließ bei dem geringen Angebot jedoch weitere Verhandlungen. Von dem Geld kaufte ich zwei Kisten Bier und ertrank damit noch am selben Abend meinen Kummer.

Wie das im Umgang mit Alkohol so ist, der Kater verschwand, mein Problem blieb. Was auch in den nächsten Monaten bei mir schief ging, Andreas war sofort zur Stelle und mit ein paar wenigen Handgriffen war immer alles erledigt. Ob mein nicht mehr starten wollender PC, der defekte Rasenmäher, oder das Loch im Fahrradreifen, Andreas wusste immer Rat. Um nicht Alkoholiker zu werden, fing ich nach einigen Jahren an zu akzeptieren, dass ein Lehrer eben alles besser kann als ein normal sterblicher Mensch. Dies zu begreifen verdanke ich natürlich auch meinem Psychotherapeuten, der mir nach vielen hundert Sitzungen ein einigermaßen Selbstvertrauen wiedergab.

Eigentlich könnte jetzt meine kleine Geschichte beendet sein, wenn mich nicht bis zum heutigen Tage die Frage quälen würde, ob es etwas gibt auf dieser Welt, was ich besser kann als Andreas. Und, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich hätte Ihnen gern heut Abend eine Antwort präsentiert, um dieses Thema endgültig und für alle Zeiten abzuschließen.

Sie werden es nicht glauben, ich habe sie, die Antwort aller Antworten, die Erlösung aller meiner Probleme und Komplexe: ich kann besser lügen als Andreas! Und deshalb gebe ich hier offen zu, dass das bisher hier Erzählte nicht ganz der Wahrheit entspricht. Aber ich denke, und vielleicht wird mir der eine oder andere Anwesende zustimmen, es hätte sich so oder ähnlich wirklich zutragen können. Und falls hier ein Nichtlehrer zufällig anwesend sein sollte, hat dieser vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht.

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