Leseprobe "Professor Brinkmann & Co."

Professor Brinkmann & Co.

Die folgende Geschichte ist eine von vielen aus meinem Buch “Weißkittel vs. Blaumann”. Das Buch wird ca. ab Ende Mai hier auf meiner Homepage erhältlich sein. Wenn Ihnen die Geschichte gefällt würde ich mich über Ihre Vorbestellung freuen.

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Mein Nachbar, Lehrer an einer Grundschule, und ich erwarten alljährlich gespannt die Veröffentlichung einer Umfrage in einem großen Nachrichtenmagazin über die Beliebtheit von Berufsgruppen in der deutschen Bevölkerung. Mal liegen die Lehrer vorn, mal gewinnen wir Ingenieure – immer so um die Plätze 20 bis 25. Aber seit ich diese Berichte lese, steht unumstößlich auf dem Beliebtheitsskala ganz oben der Berufsstand Arzt. Und jedes Mal frage ich neidvoll: „Wie schaffen die das?“

Neulich hatte ich die Aufgabe, unsere beiden Kinder zu hüten, während meine Frau mit ein paar Freundinnen einen Zug durch die Gemeinde unternahm. Ich gönnte mir einen richtig faulen Abend. Nachdem ich die Kleinen zum Schlafen gebracht hatte, ließ ich mich auf die Couch fallen, natürlich nicht, ohne vorher Bier, Chips und Erdnüsse bereitgestellt zu haben, schnappte mir die Fernbedienung für den Fernseher und zappte durch die Kanäle. ARD: In aller Freundschaft, ZDF: Schwarzwaldklinik 35ste Wiederholung, RTL: Dr. House, SAT.1: alphateam – Die Lebensretter im OP, Pro7: Grey’s Anatomy – Die jungen Ärzte etc., etc. Ich fiel vor Aufregung fast vom Sofa. Das musste ich nicht haben, zur Entspannung eine Krankenhausserie, wo ich doch selbst den ganzen Tag im Krankenhaus verbringe.

Haben Sie, sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, schon einmal so eine Sendung gesehen? Was kann es sein, das diese Dr. Brinkmanns und Quincys an sich haben, dass mit ihnen ein ganzes Abendprogramm gefüllt wird?

Da stach mir ein Artikel in der Fernsehzeitung ins Auge, in dem die Frage der realistischsten Krankenhausserie erörtert wurde. Emergency Room schnitt hier am besten ab, und so entschloss ich mich, diesen Fragen selbst auf den Grund zu gehen. Natürlich rein wissenschaftlich. Denn schließlich muss ich es als Experte für Krankenhäuser ja wissen.

Erster Schritt, Grundlagenrecherche: Schauen, was das Zeug hält. Ich schaffte es, an diesem Abend einen Einblick in 78 Arztserien zu erlangen. Von Stunde zu Stunde wurde ich jedoch gereizter und aggressiver. Von wegen realistisch, 78 Krankenhäuser ohne Technische Leitung. Weder Technik, Einkauf noch irgendein Verwaltungsbereich spielen die geringste Rolle. Was für ein Blödsinn wird dem deutschen Fernsehkonsumenten eigentlich geboten? Als meine Frau dann nachts wieder nach Hause kam, fand sie mich auf der Couch sitzend, das Gesicht in den Händen verborgen und noch am ganzen Körper zitternd und schweißgebadet. Nur schwer konnte ich ihr von meinem Problem berichten. - Aber nicht aufgeben, war meine Devise. Schon am nächsten Morgen recherchierte ich weiter.

Zweiter Schritt: Nun galt es herauszufinden, warum Ärzte so beliebt sind. Vielleicht ist es ja ihre überdurchschnittliche Intelligenz, die Millionen von Zuschauern allabendlich an die Bildschirme treibt? Dies probierte ich auch gleich aus. In der Eingangshalle unseres Krankenhauses begegnete mir Professor Haberland. Ich fragte ihn unvermittelt, ob er mir bitte einmal das zweite Ohm´sche Gesetz erläutern könnte, eine Frage, die für jeden Elektroingenieur in den Bereich Grundlagenwissen fällt. Prof. Haberland schaute mich ungläubig an, schüttelte mit dem Kopf und ließ mich wortlos stehen. Also, an der Intelligenz kann es nicht liegen, wenn man nicht einmal eine solche leichte Frage beantworten kann.

Der dritte Schritt meiner Versuchsreihe ereignete sich eher zufällig nach Feierabend auf meiner Fahrt nach Hause. Nach nur wenigen Minuten Fahrt stockte der Verkehr. Ich stieg aus meinem Wagen aus, um nach dem Grund der Stockung zu schauen. Nur 100 Meter vor mir schien sich ein Unfall ereignet zu haben, jedenfalls bildete sich eine Menschentraube auf der Straße und versperrte mir die Sicht. Ich eilte ebenfalls zur Unfallstelle und wollte mich durch die Menge drängeln, doch alles Schieben und Zerren half nichts, man ließ mich nicht durch. Plötzlich ertönte eine laute und selbstbewusste Stimme durch das aufgeregte Stimmengewirr: „Platz da, ich bin Arzt!“ Und siehe da, der Menschenring öffnete sich wie von Zauberhand geführt, und ein älterer Herr eilte durch die entstandene Gasse bis vorn zum Unfallgeschehen. „Versuch Teil 3“ schoss es durch meinen Kopf und ich nutzte blitzschnell die Gelegenheit, weitere Erkenntnisse über die Beliebtheit der Ärzte herauszubekommen, indem ich in ebenso bestimmender Stimmlage, wie es vorher der Fremde tat, in die Menge rief: „Platz da, ich bin Ingenieur!“ Und siehe da, der Menschenring bewegte sich nicht im Geringsten. Einige der Anwesenden drehten sich jedoch nach mir um und schauten mich mit verächtlichen Blicken von oben nach unten an. Eine Frau rief: „Ist hier jemand Psychologe?“ Ich errötete und lief mit gesenktem Haupt zurück zu meinem Auto, ohne Ergebnis, jedoch mit einer weiteren Bestätigung, dass es einen Berufsstand zu geben scheint, der uns anderen Menschen total überlegen ist. Der Letzte, von dem ich las, dass er Massen durch sein Wort in gleicher Weise teilen konnte wie ein Arzt, war Moses bei der Teilung des Roten Meeres.

Aber ich gab nicht auf und um meine Untersuchung voranzutreiben, müsste jetzt ein praktisches Experiment folgen, das mehr Aussicht auf Erfolg versprach, also vierter Schritt: Ich verkleidete mich als Arzt, um zu erkennen, ob es die Person ist, die die Anziehungskraft auf die Menschen ausübt, oder ob es lediglich Symbole sind, die ausreichen, um die Bevölkerung zu täuschen?

Meine Verkleidung war schnell hergestellt. Ich „lieh“ mir vor dem Speisesaal vorübergehend einen weißen Kittel mit heraushängendem Stethoskop. Der Erfolg meiner Maskerade war verblüffend. Egal, wo ich mich sehen ließ, drehten sich die Leute nach mir um, machten mir sofort Platz und kuckten ehrfurchtsvoll. Vor der Eingangstür des Krankenhauses fielen sogar ein paar Frauen in Ohnmacht. Jetzt wusste ich endlich, warum einige Kolleginnen und Kollegen aus der Verwaltung immer einen weißen Kittel überstreifen, wenn sie mal etwas im Hauptgebäude zu tun haben! Dieses Geheimnis war zwar gelüftet, aber der Lösung meines Problems war ich keinen Schritt näher gekommen. Dieses Experiment unterstrich wieder einmal nur die unendliche Beliebtheit des Ärztestandes in der deutschen Bevölkerung. Warum nur befindet sich zum Beispiel der Ingenieursberuf so weit hinter den Ärzten auf der Beliebtheitsskala, ja sogar soweit, dass man diesen Berufsstand in sämtlichen Krankenhausfilmen einfach so unter den Tisch kehrt?

Kurz vor einem Nervenzusammenbruch und mit Tränen in den Augen war ich zum letzten, ultimativen Schritt bereit, das Rätsel zu lösen.

Fünfter Schritt: Dem nächsten Arzt, der an mir vorbei ging, sprang ich in die Quere, packte ihn mit beiden Fäusten am Kittelkragen schüttelte ihn heftig vor und zurück und brüllte ihm immer wieder dieselbe Frage entgegen: „Warum seid Ihr so beliebt? Sag schon, warum seid Ihr so beliebt?“ Als ich nach fünf Minuten immer noch nicht die passende Antwort erhalten hatte, ließ ich von meinem Opfer ab. Doch im nächsten Moment wurde ich von zwei kräftigen Männern gepackt und weggeschleppt.

Ergebnis: An der weißen Farbe kann es auch nicht liegen, dass man diesem Berufsstand ganze Abende widmet, denn die weiße Jacke, die ich nach meiner Attacke erhielt, wurde von der bei der Aktion heranströmenden Menschenmenge nur mit verachtenden Blicken gestraft. So wird das Geheimnis der Professoren Brinkmann und wie sie alle heißen wohl niemals gelüftet.

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