Geschichten

 

Die aufgeweckte Frau

Autor: Jörg Ubbens

buch

Ich bin ein Freund von Aphorismen und Volksweisheiten. Oft stelle ich jedoch ihren Wahrheitsgehalt erst dann fest, wenn ich mal wieder versuche, meine eigene Erfahrung zu machen. Und diese sammle ich vor allem als Single mit den Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts. Zu diesem Thema hat die Männerwelt schon seit Jahrhunderten ihre Erkenntnisse niedergeschrieben, wie zum Beispiel: Morgenstund hat Gold im Mund! Sie fragen sich sicherlich, sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser, was diese Weisheit mit Beziehungen zu tun hat. Ja, spätestens, wenn Sie am Morgen danach erwachen, und Ihre Errungenschaft des Vorabends schon singend oder ohne Ende redend durch die Wohnung läuft und damit ihren Aufwachprozess stört, merken Sie, dass ihr erhoffter Anfang einer harmonischen Beziehung wieder in einem One-Night-Stand endet. Wenn ich auch in vielen Punkten in Sachen Zusammenpassen kompromissbereit bin, dann niemals bei meinem Aufwachverhalten. Ich liebe es, eine halbe Stunde vor dem Aufstehen von leiser Musik aus dem Radiowecker geweckt zu werden, schon im Hintergrund, wenn man sich mehrfach drehen und recken kann, den ersten Nachrichten zu lauschen oder sich am Partner anzukuscheln. Am Wochenende stelle ich mir sogar den Wecker, damit ich bewusst erleben kann, dass ich nicht zur Arbeit muss, sondern liegen bleiben darf. Dieses erhabene Erlebnis bekommen Sie niemals, wenn Sie bis zum Aufstehen durchschlafen. Und bei diesem Bündel positiver Gefühlswallungen ist ein „Hähne, die früh morgens kräh’n, holt abends die Katz“ – Typ für mich ein Graus, ein K.O.-Kriterium für jede Partnerschaft und ich ergreife die Flucht, wenn ich denn endlich das Bett verlassen habe.

„Auf jeden Topf passt ein Deckel“, pflegt meine Mutter zu mir immer zu sagen, wenn ich mal wieder allein zu einer Familienfeier erscheine. Und frei nach dem Motto: Wer suchet der findet, lasse ich mich natürlich nicht von meinen Negativerlebnissen abhalten, und so lernte ich eines Abends eine wirklich süße Traumfrau kennen. Ihr Name war Susi, und sie hatte alles, was ich mir schon immer an einer festen Partnerin gewünscht hätte, aber würde Sie auch den harten Anforderungen des nächsten Morgen genügen? So freute ich mich auf die erste Nacht mit ihr oder besser gesagt, auf den ersten gemeinsamen Morgen danach.

Dieses Ereignis ließ auch nicht lange auf sich warten. Der Abend begann mit einem gemeinsamen Essen, und anschließend waren wir uns schnell einig: wir gingen zu ihr. Nach einem Glas Wein bei Kerzenschein verschwand Susi im Nebenzimmer mit den Worten: „Ich mach mich mal eben fertig“. Gespannt wartete ich verliebt und überglücklich auf ihre Rückkehr, und ich wartete und wartete und wartete…. Langsam wurde ich ungeduldig und ich rief: „Wo bleibst du denn Süße?“ „Ich bin sofort da, ich muss nur noch meinen Wecker stellen.“

Nach weiteren 10 Minuten stand sie vor mir. Wir fielen uns in die Arme und erlebten eine wunderbare Nacht miteinander. Ich weiß nicht mehr wann, aber nach einigen Stunden schliefen wir Arm in Arm ein. (Da diese Geschichte sicherlich auch von Kindern gelesen wird, erspare ich mir an dieser Stelle weitere Details. Also liebe Eltern unter den Lesern, ihr könnt beruhigt euren Kindern weiter vorlesen.)

„Hier ist das NDR-Verkehrsstudio…“ hörte ich eine freundliche Stimme aus einem Radio sagen. Noch ganz schlaftrunken glaubte ich zuerst, ich läge zu Hause in meinem Bett und müsse bald aufstehen um zur Arbeit zu fahren, doch dann fühlte ich neben mir einen warmen Frauenkörper und die Erinnerungen der Nacht kam zurück. Und ich erinnerte mich auch, dass ja heute Sonntag ist und ich deshalb eigentlich nicht so früh aufstehen müsste, und ein verschleierter Blick auf meine Armbanduhr verriet mir, dass es erst 7 Uhr war. „Wir können noch liegen bleiben“, säuselte eine zärtliche Stimme in mein Ohr, „Das Radio läuft nur, um mir zu sagen, dass ich jetzt nicht aufstehen muss, um zu arbeiten.“ Sehr schön dachte ich noch, kuschelte mich an meine neue Freundin und schlief auch schon wieder ein.

Ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen habe, wurde aber durch eine typische Telefonklingelmelodie aus meinen süßen Träumen gerissen. Weil Susi sich nicht regte, stupste ich sie leicht an und fragte, ob sie nicht rangehen wollte. Doch da war es auch schon wieder still und sie antwortete, dass das nur die Weckfunktion des Telefons sei und wenn jetzt kein Wochenende wäre, dann müsste sie genau in einer halben Stunde aufstehen.

Gab es tatsächlich ein weibliches Wesen, das den Tick mit meiner Aufstehprozedur mit mir teilte? War ich wirklich am Ziel meiner Suche zum passenden Deckel angekommen? Bevor ich mir diese Frage selbst beantwortet hatte, schaffte ich es, wieder einzunicken, immer noch mit meiner Susi im Arm.

Ein schrilles und unendlich lautes „Schni, Schna, Schnappi“ riss mich plötzlich aus dem Schlaf und ließ mich aufrecht im Bett sitzen. Aus den Augenwinkeln heraus vernahm ich direkt neben meinem Kopfkissen ein Handy blinkend und vibrierend ein Lied von einem wilden Krokodil kreischen. Flink schnetlle eine Hand unter der Bettdecke hervor, drückte ein paar Knöpfe so dass das Höllengerät verstummte und zog mich im nächsten Augenblick sanft an einen warmen, weichen Körper heran. Und wieder erklärte mir eine liebliche Stimme: „Das war nur mein Handyalarm aber wir können noch weiterschlafen.“ Alarm war der richtige Ausdruck, aber Feueralarm oder so wäre wohl die bessere Bezeichnung gewesen. Und außerdem, wie sollte ich nur mit dem Adrenalinspiegel, den mir der Lärm verpasst hatte, wieder einschlafen? Das ging momentan sowieso nicht, denn bei dem Gepiepe, das aus einem Wecker aus dem Nachbarzimmer drang, konnte ja wohl niemand schlafen.

Susi, die sich wieder an mich schmiegte, schien das alles nicht zu tangieren, denn die schlummerte im Gegensatz zu mir scheinbar wieder tief und fest. Der Wecker im Nebenzimmer verstummte, doch umgehend meldete sich Schnappi wieder. Da ich ja mittlerweile die Quelle der Lärmbelästigung kannte, stellte ich den Wiederholungsalarm selbst ab, indem ich das Handy abschaltete.

Können Sie sich noch an das altmodische Rasseln eines mechanischen Weckers erinnern? An die, die mit zwei Glöckchen und einem Klöppel ausgestattet waren, der zum Wecken zwischen den Glocken hin- und her schlug. Genau dieses Klingeln drang aus einer Ecke des Zimmers an mein Ohr. Nein, als ich die Richtung des Gebimmels exakt lokalisieren wollte, stellte ich fest, dass es stereo durch den Raum tönte. Genau in der gegenüberliegenden Zimmerecke konkurrierte ein zweiter Weckapparat mit seinem Rasseln gegen den ersten. Aus Stereo wurde schon im nächsten Augenblick Quadro, und schließlich wurde ich mit einer Sinfonie der Klänge im modernsten Dolby- Surround betäubt. Wieder saß ich kerzengerade im Bett und hielt mir die Ohren zu, bis nach und nach die unterschiedlichen Glockentöne verstummten. „Noch fünf Minuten!“ murmelte die verschlafene Stimme neben mir. Ich versuchte, mich zu beruhigen, sank wieder in mein Kissen, zog die Zudecke über meinen Kopf und wünschte mir, dass die Prozedur ein wenig ruhiger ablaufen würde. Mir wurde langsam klar, warum Susi am Vorabend so lange brauchte, um endlich ins Bett zu kommen. Sie war sicherlich mit dem Stellen der Wecker beschäftigt gewesen.

Endlich war nur noch die seichte Musik aus dem Radio zu vernehmen, und ich wagte wieder unter der Decke hervorzuluken. Zu den Rhythmen im Hintergrund mischte sich auf einmal ein kaum wahrzunehmendes Glucksen, das immer lauter wurde. Erst dachte ich, dass der Sender gestört war, doch dann identifizierte ich das Geräusch als das verdampfende Wasser in einer Kaffeemaschine. Sogleich stieg ein angenehmer Kaffeeduft in meine Nase. „Noch fünf Minuten“ bemerkte Susi und kuschelte sich erneut dicht an mich.

Ich weiß nicht mehr wie, aber ich schaffte es doch tatsächlich, wieder einzuschlafen. Auf jeden Fall erinnerte ich mich, dass ich von einem Riesenwecker in menschlicher Gestalt träumte, der vor meinem Bett stand. Die eine Hand umklammerte ein Hämmerchen, mit dem er fortwährend auf eine Glocke auf seinem Kopf schlug und so ein lautes Geläut erzeugte. In der anderen hielt er einen Becher Kaffee, den er mir unter der Nase hin- und herschwenkte, dass der Kaffeeduft meine Geruchsnerven betörte. Dabei entsprang seinen Lippen immer wieder: „Aufstehen Süßer!“ So öffnete ich die Augen. Im ersten Moment dachte ich, ich sei im Himmel. Vor mir stand ein blonder Engel, und im Hintergrund läuteten unendlich viele Glocken. Als meine verschlafenen Sinne endlich wieder der Traumwelt entflohen waren, erkannte ich Susi, die mit einem Frühstückstablett, von dem aus ein herrlicher Kaffeeduft zu mir herüberzog, vor dem Bett stand und immer wieder flüsterte: „ Aufstehen Süßer“. Von draußen drang das Geläute von Glocken in das Schlafzimmer, denn Susi wohnte direkt gegenüber einer Kirche, die gerade ihre Schäfchen zum Sonntagsgottesdienst rief. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich in meinem Leben jemals so genial geweckt wurde.

Prinzipien sollte man hochhalten, damit man unter ihnen hindurchschlüpfen kann. Getreu nach diesem Motto veränderten Susi und ich nach diesem Morgen unsere Aufwachprozedur ein wenig, so dass wir uns auf einem gesunden Mittelweg einigten. Ich hätte nie geglaubt, dass jemand in diesem Punkt noch schlimmer ist als ich, aber jetzt habe ich endlich meine Traumfrau gefunden.

Nach Oben

unterlinie